logo kino kunstmuseum
  • Film Scenen Bild

Filmgeschichte › Eine Geschichte in 50 Filmen


Das Kino Kunstmuseum und das Lichtspiel brechen erneut gemeinsam zu einer filmischen Zeitreise auf: Am Beispiel von 50 exemplarischen Produktionen wird in zwei Jahren die Filmgeschichte chronologisch rekapituliert. Der aufwendige Zyklus bringt Meisterwerke des Kinos auf die Leinwand und orientiert sich dabei am filmischen Kanon.
Welches ist der beste Film aller Zeiten? Eine unmöglich zu beantwortende Frage, könnte man einwenden, nur schon wegen der immensen Produktion, die in ihrer geografischen Breite und ästhetischen Tiefe kaum zu erfassen ist, scheint sie obsolet. Dennoch wird diese Frage immer wieder nicht nur gestellt, sondern gar beantwortet – und heftig diskutiert. Die entsprechenden Listen jedenfalls sind ein treuer Begleiter des Films seit seiner Frühzeit. Sie leisten in konzentrierter, zugespitzter Form jene Orientierung, Sichtung, Bewertung, die zu den Aufgaben der Film-, ja überhaupt der Geschichtsschreibung gehört. Und sie tragen das Ihre zur Kanonisierung der Filmgeschichte bei.

Kürzlich wurde die ‹dumme› Frage nach dem besten Film aller Zeiten wieder von einem der Leuchttürme der internationalen Filmpublizistik beantwortet: Anfang August hat die britische Filmzeitschrift ‹Sight & Sound› die Ergebnisse ihrer Umfrage 2012 publiziert. Das Unternehmen hat Tradition: Seit 1952 befragt das vom British Film Institute herausgegebene Heft alle zehn Jahre Filmschaffende und Kritiker nach den zehn besten Werken der Filmgeschichte. Und die Expertinnen und Experten machen mit, selbst jene, die derartigen Umfragen skeptisch gegenüberstehen.

Das Resultat 2012 bringt einen Wechsel an der Spitze: Erstmals seit 1962 ist nicht mehr Citizen Kane die Nummer eins. Nach fünf Jahrzehnten wird Orson Welles’ Film aus dem Jahr 1941 von Alfred Hitchcocks Vertigo (1958) vom Thron gestossen und belegt neu Rang zwei. Auf den weiteren Plätzen folgen Tokyo Story (Ozu, 1953), La règle du jeu (Renoir, 1939), Sunrise (Murnau, 1927), 2001: A Space Odyssey (Kubrick, 1968), The Searchers (Ford, 1956), Der Mann mit der Kamera (Vertov, 1929), La passion de Jeanne d’Arc (Dreyer, 1927) und 8 1/2 (Fellini, 1963). Selbstverständlich gibt es in den Jahrzehnt-Listen immer wieder einzelne Auf- und Absteiger, im Grossen aber herrscht Konstanz. Diese ist typisch für den Kanon, denn er ist seinem Wesen nach konservativ. Das heisst aber auch: Der Kanon verfestigt, was im Fluss ist, er ist neuen Entwicklungen gegenüber blind und favorisiert einseitig die Tradition. So ist das Filmschaffen der letzten Jahrzehnte in den ‹Sight & Sound›-Listen und andern einschlägigen Umfragen stets krass untervertreten. Kaum einmal schafft es ein Film mit Jahrgang 1980 oder jünger in die Bestenlisten des Weltkinos.

Der Filmkanon ist weiter geprägt von Interessen und Sichtweisen, in denen sich die globalen Machtverhältnisse spiegeln, er ist das Resultat einer vornehmlich weissen, männlichen und westlichen Sicht auf das Kino. Auch deshalb ist er ein hoch umstrittener Leitfaden – aber er ist immerhin einer. Auf jeden Fall kommt niemand, der sich mit dem Kino beschäftigt, um ihn herum. Und deshalb dient er auch der wiederum auf zwei Jahre angelegten ‹Filmgeschichte in 50 Filmen›, die wir bereits zum dritten Mal gemeinsam mit dem Lichtspiel durchführen, als ästhetischer Kompass. Wir suchen also bewusst nicht nach verkannten Meisterwerken, wir schreiben keine Gegengeschichte, keine Geschichte des Undergrounds oder der Peripherie, sondern reflektieren den filmgeschichtlichen Konsens. Dies auch deshalb, weil die Reihe die Funktion hat, das Publikum zunächst einmal mit den anerkannten Meilensteinen der Filmgeschichte vertraut zu machen.

Wie bereits zur Tradition geworden, schreiten wir wieder chronologisch durch die Geschichte, zeigen die Filme je einmal im Kino Kunstmuseum und im Lichtspiel und engagieren für die Einführungen ausgewiesene Expertinnen und Experten. Dabei geht es uns nicht nur um Film-, sondern auch um Kinogeschichte, wie der erste, vom Filmhistoriker Roland Cosandey moderierte Auftakt zeigt: Cosandey wird die frühesten Schätze aus der Cinémathèque Suisse in Lausanne in der Manier eines Conférenciers oder Kino-Erzählers präsentieren und damit eine Kunst der Präsentation wiederbeleben, die längst verschwunden ist. So mischt sich denn unweigerlich Nostalgie in das Unternehmen. Jene Nostalgie, die uns derart hemmungslos für die alten Meisterwerke schwärmen lässt.
(all)