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GLAUSER VERFILMUNGEN


«Für eine Verfilmung
kommen nur Sie in Frage»*

Mit Wachtmeister Studer schuf Friedrich Glauser einen archtypischen Helden im Gewand eines Berner Fahnders. Die Verfilmungen mit Heinrich Gretler stiessen auf ganz unterschiedliche Resonanz: Wachtmeister Studer wurde zum kommerziellen Grosserfolg,
Matto regiert fiel beim Publikum durch.

Als Friedrich Glauser am 8. Dezember 1938 in Nervi bei Genua mit 42 Jahren starb, war er ein bekannter Schriftsteller, trotz unruhigem Leben mit unzähligen Ortswechseln, geprägt vom frühen Tod der Mutter und der ambivalenten Beziehung zum Vater, gezeichnet von Drogenkonsum und -entzügen, zermürbt von Bevormundung und Internierungen. Vor allem seine Kriminalromane mit Wachmeister Studer als Hauptfigur waren noch zu Lebzeiten Glausers grosse Erfolge.
Mit seinem Studer gelang Glauser die Erfindung eines archetypischen Helden im Gewand eines Berner Fahnders, der nicht allwissend ist, aber einen guten Instinkt und viel Güte besitzt. Dürrenmatt sollte ihm später mit seinem Kommissär Bärlach folgen. Studer ist ein ordnungsliebender Anarchist, dem die herrschende Ordnung unheimlich ist und der sie als fremde und grausame Notwendigkeit erkennt, die den Handelnden ihren Willen aufzwingt. Und Studer ist – das hat Glauser immer wieder selber betont – auch von Simenons Maigret inspiriert worden, allerdings in einer helvetisch gefärbten Version.
Die Verfilmung des 1935 erschienenen Buches Wachtmeister Studer (ursprünglich Schlumpf Erwin Mord) wurde erst nach dem Tod von Glauser Realität. Er selber stand der Absicht eher ambivalent gegenüber, hatte jedoch klare Vorstellungen, wer den Studer spielen sollte: der Theaterschauspieler Heinrich Gretler, den er persönlich kannte und mit dem er auch brieflich im Kontakt stand. 1938 entschloss sich der Produzent und Gründer der Praesens-Film, Laszar Wechsler, den Stoff unter der Regie von Leopold Lindtberg zu verfilmen. Die Erarbeitung des Drehbuches gestaltete sich jedoch schwierig, da der Verfasser Deutscher (Horst Budjuhn) war und zur Gestaltung der Mundartdialoge der Schriftsteller Kurt Guggenheim beigezogen werden musste. Die Hauptrolle wurde Gretler übertragen, der im Jahr zuvor grosse Erfolge im Film Füsilier Wipf gefeiert hatte. Wachtmeister Studer wurde am 13. Oktober 1939 in Zürich uraufgeführt und lief 14 Wochen am Stück – ein Grosserfolg für die damalige Zeit. «Der Film besticht durch sorgfältige Schauspielführung, treffende Charaktere und durch die eindrückliche Zeichnung des spiessbürgerlichen Dorfes Gerzenstein. Die Dichte der Wirtshausszenen lassen die Früchte langer Theatererfahrung des Regisseurs erkennen.» (Hervé Dumont) Allerdings nimmt der Film gegenüber dem Roman gewichtige Umwertungen (vor allem der Hauptfigur) vor, die der ursprünglichen Stimmung des Romans leider nur zum Teil gerecht werden.
Es vergehen fast sieben Jahre bis 1946/47 Glausers grossartiger und atmosphärisch dichter Irrenhausroman Matto regiert (1936) auf Zelluloid gebannt wird. Ein erster Versuch 1942/43 scheitert und wird abgebrochen. Nach Kriegsende gibt erneut das Verfassen des Drehbuchs durch Alfred Neumann und Regisseur Lindtberg grosse Schwierigkeiten auf. Und obwohl wiederum Gretler in der Hautprolle des Studers (und weitere bekannte Schauspieler der damaligen Filmszene; eindrücklich: Max Haufler) zu sehen sind, erreicht der «film noir mit typisch helvetischem Kompromiss» (Hervé Dumont) das Publikum nicht (Uraufführung: 17. April 1947), wird an der Biennale in Venedig ausgebuht und wird für den Produzenten zum Verlustgeschäft. «Insgesamt jedoch sind die Filme von Leopold Lindtberg beide spannungsstark in ihrer kriminalistischen Fabulierung, beide Spiegelung auch vertrauter Landschaft, sind haften geblieben und bereiten bei jedem Wiedersehen noch immer Freude, weil dieser schweizerische Typus des Detektivs – jenseits jeder Befragung, ob Glauser ihn so gemeint habe – sozial stimmt.» (Martin Schlappner/Martin Schaub)
So verlockend sie auch ist, so macht doch Glausers desillusionierte Welt den Filmemachern noch und noch zu schaffen: 1980 finanziert das Fernsehen DRS zusammen mit dem Süddeutschen Rundfunk Stuttgart ein Remake von
Matto regiert (1980). Der Berner Hans Heinz Moser (Studer), Fritz Lichtenhahn (Laduner) und Walo Lüönd spielen unter der Regie von Wolfgang Panzer in den Bavaria-Studios und in der Klink St. Urban. Dieser brave Fernsehfilm ist Teil eines von Helmut Pigge adaptierten Friedrich-Glauser-Zyklus, der noch zwei weitere Fälle Studers umfasst: Krock & Co. (1977) von Rainer Wolffhardt und Der Chinese (1979) von Kurt Gloor, wiederum mit einem eindrücklichen Moser in der Hauptrolle. Der Regisseur nimmt darin die Studer-Figur zugunsten der anderen Rollen zurück und gibt dem Atmosphärischen grösseren Raum. Glauser verfasste den Roman 1937/38 als Wettbewerbsbeitrag für den Schweizerischen Schriftstellerverband (SSV) und nannte den Roman, der in drei Atmosphären (Armenanstalt, Gartenbauschule und Dorfbeiz) spielt, selbstironisch seinen ‹prämierten Schundroman›. Peter Erismann
* Friedrich Glauser an Heinrich Gretler, 1938