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FILME AUS RUSSLAND


Vom eigensinnig systemkritischen Autorenfilm hin zum Block-
buster ‹Made in Russia›: Im russischen Kino der letzten Jahre hat sich einiges getan.

Das Kino Kunstmuseum zeigt Filme interessanter russischer Talente und bekannter Meister und präsentiert damit eine Kinematographie, die einst Weltruhm und Einfluss besass, dann unter dem Kommunismus enorm litt und deren Produktion nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf ein historisches Tief sank. Wer erinnert sich nicht an Meisterwerke der Filmgeschichte wie Panzerkreuzer Potemkin (1925) oder, ebenfalls von Sergej M. Eisenstein, Oktober (1928), der übrigens bei der kommenden Berlinale in einer restaurierten Fassung präsentiert wird? Wenn Eisenstein neben Griffith als einer der Väter der narrativen Kinosprache immer wieder gefeiert wird, so hat Dziga Vertov, vor allem mit Der Mann mit der Kamera (1929), den künstlerischen Dokumentarfilm revolutioniert. In den 1960er- und 1970er-Jahren stand vor allem Andrei Tarkovskij für anspruchsvolles Kino – ihm folgten Filmautoren wie Alexander Sokurow, der dieses Jahr zu Recht den Goldenen Löwen für Faust in Venedig bekam, oder Alexej German Sr.
Dann entwickelte sich nach langer Durststrecke plötzlich auch der Markt, und russische Filme wurden erfolgreich in den heimischen Kinos – wozu man wissen muss, dass es im Kommunismus keine wirklichen Box-Office-Erhebungen gab und der ‹kommerzielle Erfolg› eines Filmes nicht wirklich eine Rolle spielte. Der erste Erfolgsfilm der postkommunistischen Ära ist der ebenfalls erste postmoderne Actionfilm Russlands, Brat – Bruder von Alexej Balabanov. Den heimischen Markt kurbelte 2004 aber vor allem Night Watch (Nochnoi dozor) und dessen Nachfolger Day Watch (Dnevnoy Dozor, 2006) von Timur Bekmambetov an.
Inzwischen hat sich die Filmindustrie Russlands erholt, ja sie hat sich gar wie Phoenix aus der Asche erhoben. Kein anderes Filmland der Welt hat in letzter Zeit eine solch dynamische Entwicklung seiner einheimischen Filmindustrie erlebt wie Russland. Nach Frankreich ist Russland das produktionsstärkste Land Europas mit dem grössten Kinowachstum in der Welt. War der russische Film in den 1990er-Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einer grossen Krise, so boomte die Produktion in den letzten Jahren. Zum Glück gibt es neben dem erfolgreichen Mainstream auch erstklassige Arthouse-Filme.
Gerade die junge Generation russischer Filmemacher hat cineastische Meisterwerke abgeliefert, welche die Weltöffentlichkeit begeisterten und zahlreiche internationale Preise ergatterten. So gewann How I Ended This Summer von Alexej Popogrebsky 2010 gleich drei Silberne Bären bei der Berlinale (zwei ex aequo für die herausragende schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller und einen für die Kameraarbeit).
Diese internationale Festivalanerkennung der jungen Generation begann mit The Return (2003) von Andrej Zvyagintsev, einem herausragenden Film, der vor allem die posttotalitäre Situation und das Fehlen des Vaters bzw. das dadurch entstandene Machtvakuum äusserst kunstvoll und gekonnt reflektiert. Ein weiterer, äusserst spannender und radikaler Filmemacher ist Ilya Khrzhanovskiy, dessen 4 nach einem Drehbuch des russischen Kultautors Vladimir Sorokin entstand. Khrzhanovskiys Vater Andrey ist übrigens mit der kunstvollen Joseph-Brodsky-Reflexion A Room And A Half in der Reihe vertreten. Es ist übrigens auffallend, dass in jüngster Zeit viele Söhne von Filmvätern erfolgreich und eigenständig Filme machen – anderes erfolgreiches Beispiel ist Alexej German Jr.
An den Arbeiten der Regisseure lässt sich ablesen, welche Fragen und Konflikte die russische Gesellschaft derzeit beschäftigen. Dabei zeichnen sich die Filme durch ganz unterschiedliche Ansätze aus – sowohl in der Wahl der erzählerischen Form als auch durch die gewählten Themen. Da in Russland die jeweiligen Kunstformen schon immer sehr nah beieinander lagen und gerade in den blühenden und produktiven 1920er-Jahren viele Literaten und Künstler von Weltruhm in der Kinoszene mitmischten, ist es auch nicht verwunderlich, dass viele zeitgenössische Filme die Beziehung von Kunst und Kino reflektierten, oft bildende Künstler zu Filmemachern werden oder gar Filme über Videoart- und Performance-Aktivisten entstehen. Nikolaj Nikitin