Matthew Barney – The Cremaster Cycle
Vor zehn Jahren hat Matthew Barney sein erstes Video Cremaster 4 des auf fünf Teile angelegten Cremaster-Zyklus fertig gestellt. Seither hat das Cremaster-Projekt eine in der Kunstszene wohl beispiellose Erfolgsgeschichte geschrieben. Nicht in chronologischer Reihe entstanden, entworfen als gefilmte Performance-Serie, in denen Barney selbst, ausser in Cremaster 1, immer eine zentrale Rolle spielt, wurden die Videos zunächst einzeln in Museen präsentiert. Zu sehen waren neben dem Video immer auch Skulpturen und Objekte, die als Ausstattung und Requisiten in der jeweiligen Folge ihre Bedeutung hatten. Nachdem einzelne Cremaster-Filme an Filmfestivals gezeigt wurden, begannen sich auch Kinogänger für Barneys Werk zu interessieren. Die Rezeption der Performance-Videos veränderte sich und die jüngeren Teile wurden filmischer und kinotauglicher, blieben aber dennoch dem ursprünglichen Konzept treu. Nichtsdestotrotz wird Barneys Arbeit nun auf der einen Seite mit Beuys und den Wiener Aktionisten, auf der anderen Seite mit Greenaway, Lynch, Cronenberg und Kubrick verglichen. Der Cremaster-Zyklus kann mittlerweile sowohl im Kontext einer Ausstellung als auch losgelöst von den Exponaten als Kino-Event zur Aufführung kommen.
Das Grundkonzept des Zyklus ist der Biologie entlehnt. Kremaster bezeichnet einen willkürlichen Muskel, der die Hoden je nach Temperatur oder Angstzustand hebt und senkt. So stellt Cremaster 1 das System im höchsten und gleichzeitig freiesten Zustand dar, wo noch alles möglich sein soll. Die einzelnen Folgen beschreiben den Abstieg, dessen Abschluss in Cremaster 5 erreicht wird. In jedem Film kämpft das System, die Narration, gegen diesen Ablauf, symbolisiert durch die stete Entwicklung vom Zustand der Uneindeutigkeit oder der Zweigeschlechtlichkeit bis zum Moment, wo die Entscheidung für ein Geschlecht, gegen die Androgynität fällt.
Seit nunmehr zwei Jahren ist das Werk abgeschlossen. DerCremaster-Zyklus ist im Dezember zum ersten Mal komplett in Bern zu sehen. Wir haben die Filme so programmiert, dass man die Wahl hat zwischen der Reihenfolge ihrer Produktion oder der intendierten, numerischen. Im letzteren Fall, der am Samstag, 18. Dezember, mit einem Cremaster-Marathon zu geniessen ist, lässt sich Barneys Entwicklung als Filmemacher besonders gut beobachten.
Cremaster 1 folgt der Ästhetik von Revuefilmen in der Tradition Busby Berkeleys; Cremaster 2 verknüpft die Biographien des Entfesselungskünstlers Harry Houdini und seines angeblichen Enkels, des hingerichteten Mörders Gary Gilmore; Cremaster 3 verlegt die Errichtung des Chrysler-Hochhauses in den Bereich einer Freimaurerlegende und kolportiert die Entstehungssage der Isle of Man; letztere wird in Cremaster 4 zum Austragungsort eines bizarren Motorradrennens. Cremaster 5 schliesslich ist als romantisch-tragische Oper inszeniert.
Matthew Barneys Cremaster-Epos stellt ein eigenes, selbstreferenzielles und vielschichtiges Universum dar. Dem interessierten Publikum empfehlen wir die ausführlichen Inhaltsangaben der Website cremaster.net. Ausserdem sind zum Cremaster-Zyklus Kataloge in englischer, französischer und deutscher Sprache erschienen.
Filme aus dem Besitz der Emanuel Hoffmann-Stiftung, in Zusammenarbeit mit Schaulager Basel
Abbildungen von Cremaster 1–5: © Matthew Barney Courtesy Gladstone Gallery