Fängt man an, über Vittorio Gassman zu schreiben, weiss man erst mal nicht, wo man anfangen soll. Er ist einer der grössten Schauspieler des italienischen Theaters und Kinos, hat ernste und dramatische Rollen gespielt und auch für das Fernsehen gearbeitet. Er war überdies auch Bühnen- und Filmregisseur, hat nebenbei eine Autobiografie, Romane und Gedichte geschrieben. Doch dies sind keine Gegensätze, sondern eine grosse Einheit: die eines Menschen, der ganz für die Kunst lebte.
Und wenn es bei all diesem künstlerischen Wirken einen gemeinsamen Nenner gibt, dann gewiss Gassmans Liebe zur Sprache. Bis ins letzte Detail, pedantisch, akribisch übte und pflegte der Schauspieler das nationale Idiom. Am liebsten das reine Italienisch der Bühne, dann aber scheinbar mühelos auch die verschiedenen Dialekte der Halbinsel.
Der 1922 in Genua als Kind eines deutschen Vaters – das zweite ‹n› des Nachnamens fiel dem späteren Künstlernamen zum Opfer – und einer italienischen Mutter geborene Vittorio besuchte in Rom eine Schauspielschule und stand 1943 das erste Mal auf der Bühne. Sein Ruf als brillanter Theaterdarsteller festigte sich besonders unter der Leitung von Luchino Visconti. Zeitlebens blieb Gassman dem Theater treu, spielte mit enormem Erfolg hauptsächlich Shakespeare und andere Klassiker, aber auch volkstümliche und moderne Stücke. Trotzdem stimmt es nicht, wie zuweilen behauptet wird, dass das Kino für ihn nur ein minder geschätzter Nebenberuf gewesen wäre: Kino und Theater seien zwei Triebe, die aus der gleichen Wurzel sprössen, betonte der Schauspieler gerne.
Gassman ist denn auch an den Eckpunkten der italienischen Nachkriegsfilmgeschichte zu finden: Aufmerksamkeit erlangte er erstmals inRiso amaro. Wie alle Klassiker des Neorealismo an Originalschauplätzen mit Laiendarstellern und sozialem Anspruch gedreht, zeigte der Film jedoch mit schauspielerisch geschulten Hauptdarstellern wie Gassman, Raf Vallone und Silvana Mangano der Bewegung eine neue Richtung auf. Im herrlichenI soliti ignoti, der allgemein als Initialzündung der ‹Commedia all’italiana› gilt, gelang Gassman 1958 auch der Durchbruch als komischer Darsteller. Seine imposante Statur, seine Schönheit und sonore Stimme, Charme und Witz, aber auch ein Stück Überheblichkeit und Aggressivität entwerfen sowohl in den dramatischen wie auch in den komödiantischen Werken, die sich jedoch mehrheitlich im Spektrum des kommerziellen Filmschaffens bewegen, ein Idealbild italienischer Maskulinität. Mit kritischen Untertönen versehen, bildet Profumo di donna, für den Gassman in Cannes den Darstellerpreis bekam, in dieser Hinsicht die Apotheose. Dass sich Gassman auch für das künstlerisch anspruchsvolle Kino eingesetzt hat, beweisen nicht zuletzt Filme wie Zurlinis Il deserto dei tartari oder Scolas grossartiger La famiglia, die zu Recht als späte Höhepunkte des italienischen Autorenfilms gelten.Till Brockmann
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