In Frankreich wurde sie ‹le plus beau cadeau depuis Marlene Dietrich› genannt. Der Vergleich ist naheliegend: Beide hatten Deutschland den Rücken gekehrt, worauf das deutsche Publikum tief gekränkt reagierte. Der grosse Unterschied: Während in Deutschland Dietrichs internationale Karriere mitverfolgt wurde, wird Schneiders Aufstieg zum französischen Star bis heute ausgeblendet.
Die Fünfzigerjahre bilden das Jahrzehnt ihrer deutschen Karriere. Mit 14 Jahren debütiert sie an der Seite von Mutter Magda, dreht in sechs Jahren 16 Filme – darunter die Sissi-Trilogie –, deren Auswahl die Mutter bestimmt. Die Sissi-Filme sind ein Segen für die Kasse und ein Fluch für die Schauspielerin, denn mit dieser Rolle wird sie zeitlebens identifiziert. Bereits den zweiten Teil dreht sie nur widerwillig, für den dritten wird sie unter enormen Druck gesetzt, erst gegen den vierten wehrt sie sich erfolgreich.
Mit 21 Jahren befreit sich Romy Schneider und zieht nach Paris zu Alain Delon. Doch damit beginnt ein unstetes Jahrzehnt. Sie arbeitet in Grossbritannien und Italien, zieht nach der Trennung von Delon in die USA, dann wieder nach Frankreich, wo sie in La voleuse an der Seite von Michel Piccoli spielt, mit dem sie später eines der grössten Leinwandpaare des Kinos bildet. Nach der Geburt des Sohnes David macht sie seit über einem Jahr zum ersten Mal Drehpause. In Jacques Derays La piscine steht sie wieder mit Delon vor der Kamera, und prompt reden die Medien eine Wiedervereinigung des einstigen Paars herbei.
Es folgt das Jahrzehnt ihrer französischen Karriere, in dessen Verlauf sie zum zweiten Mal zum Star aufsteigt. 1970 ist sie bei der Premiere von Max et les ferailleurs 32 Jahre alt; es ist eine von fünf Zusammenarbeiten mit Claude Sautet, unter anderem folgt César et Rosalie. Bei Sautet schärft sie ihr Rollenprofil, spielt Frauen, die selber über ihr Leben, ihren Körper und ihre Arbeit entscheiden. 1972 gibt sie in Luchino Viscontis Ludwig wieder die Kaiserin von Österreich, doch was sie nun als Elisabeth über ihre Jahre als junges Ding am Wiener Hof sagt, ist klug und bitter. Und beklemmend deckungsgleich mit dem, was sie als Romy Schneider über ihre Jahre im bundesdeutschen Filmgeschäft sagt. Der beruf-liche Erfolg wird von privatem Leid begleitet. Ehen scheitern, Affären enden, und im Sommer 1981 muss sie den Unfalltod des 14-jährigen Sohnes hinnehmen. Die anschliessenden Dreharbeiten zu La passante de Sans-souci erlebt sie als Qual. Einen Monat nach der Premiere stirbt sie, 43-jährig, am 29. Mai 1982 an Herzversagen.
Was bleibt, ist die Erinnerung an eine Schauspielerin, die beschenkt war mit ausserordentlichem Talent, aber auch an eine früh Ausgebeutete, die später ihre Kräfte nicht einzuteilen wusste, sondern im Akkord arbeitete und mit distanzloser Vehemenz spielte – und die zwanzig Jahre lang versuchte, von ihrer deutschen Kinovergangenheit loszukommen. In Frankreich wurde sie darüber zum Nationalgut, in Deutschland bleibt sie auf das süsse Mädel behaftet. Philipp Brunner