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Space Fiction (Weltraumfantasien im Wandel der Zeit)


Als Neil Armstrong vor bald vierzig Jahren am 16. Juli 1969 als erster Mensch seinen Fuss auf den Mond setzte, holte er im Grunde nur nach, was der Film längst vorgemacht hatte: Auf der Leinwand waren die ersten Schritte auf dem Mond bereits 1902 erfolgt. Der ehemalige Variété- und Jahrmarktskünstler Georges Méliès hatte damals in seinem Kurzfilm Le voyage dans la lune bereits eine Gruppe bärtiger Gelehrter auf den Erdtrabanten geschickt. Méliès’ Film ist ein charmanter Ulk, der vor allem die verblüffenden Möglichkeiten des neuen Mediums vorführen sollte. An Realismus war der Filmpionier nicht interessiert. Ganz anders Fritz Lang: Heute ist Frau im Mond von 1929 zwar weit weniger bekannt als der wenige Jahre zuvor entstandene Metropolis; Lang etablierte damit aber die Tradition des realistischen Weltraumfilms. Wenn es heute auch seltsam anmuten mag, dass Langs Weltraumreisende auf dem Mond keine Schutzanzüge tragen, so war der Regisseur doch stets darum bemüht, ein möglichst realistisches Bild einer Mondmission zu zeichnen, und liess sich auch von Spezialisten beraten. Es sollte ziemlich genau zwanzig Jahre dauern, bis sich wieder ein Filmprojekt an die realistische Darstellung einer Mondmission wagte. Der heute nur Fans bekannte Destination Moon war bei seinem Erscheinen 1950 eine Sensation: Derart detailgetreu und mit so überzeugenden Spezialeffekten hatte sich das All noch nie auf der Leinwand präsentiert. Destination Moon war auch als Statement gedacht: Die breite Öffentlichkeit sollte davon überzeugt werden, dass ein Mondflug kein Hirngespinst, sondern technisch machbar war. Deshalb bemüht sich der Film geradezu verbissen um technische Genauigkeit und wartet immer wieder mit erklärenden Passagen auf. Die realistische Tradition des Weltraumfilms sollte mit 2001: A Space Odyssey ein Jahr vor dem ersten realen Mondflug dann ihren Höhe- und Endpunkt finden. Stanley Kubricks Film stellte in Sachen technischer Genauigkeit alles bisher Dagewesene in den Schatten und setzte im Bereich Spezialeffekte den Standard für die kommenden Jahrzehnte. Vor allem aber lehrte der Film die Leute das Staunen: All der Aufwand um technische Genauigkeit diente Kubrick nur als Sprungbrett für einen Trip in die totale sinnliche Überwältigung. Denn das ist es letztlich, was Kino und Weltraum verbindet: die Lust am Staunen, und diese Lust lässt sich auch ohne grossen wissenschaftlichen Unterbau mit viel Fantasie erzeugen, wie die anderen Filme dieser Reihe eindrücklich demonstrieren: Der tschechische Ikarie XB1 etwa interessiert sich vor allem dafür, wie seine Figuren auf die Konfrontation mit den unendlichen Weiten und Rätseln des Alls reagieren. In Silent Running wiederum erscheint der Weltraum als letzter Zufluchtsort für die vom Menschen geschundene Natur. Und Star Trek: First Contact, der bislang beste Kinoableger der Fernsehserie, führt die endgültige Weltraumfantasie sogar im Titel: den Kontakt mit ausserirdischem Leben. Simon Spiegel