Entgegen Polanskis unermüdlichen Beteuerungen, seine Filme hätten mit seiner Biografie nichts zu tun, liegt diesen eine Struktur zugrunde, die sie wie entfernte, durch das Genrekino gebrochene Reminiszenzen an persönliche Erfahrungen erscheinen lässt – ein Stigma der Gewalt, der Angst und der Verunsicherung, das er aus dem Krakauer Ghetto in die Welt getragen und in seine Filme transferiert hat, zuletzt in seinen persönlichsten Film Der Pianist und in Oliver Twist. Unter dem Einfluss des absurden Theaters und des Surrealismus entwickelt Polanski in seinen Kurzfilmen einen Katalog an Themen und Motiven, die sein späteres Werk dominieren: Voyeurismus in Zähnelächeln (Usmiech zebiczny), der in Chinatown zum Handwerk des Privatdetektivs Gittes avanciert; Angst und Horror in Der Mord (Morderstwo) und Die Lampe (Lampa), zwei grotesk-makabre Übungen, die stilistische Züge der späteren Horrorfantasien Repulsion und Rosemary´s Baby vorwegnehmen; von einer aggressiven Umwelt bedrängte Aussenseiter in Zwei Männer mit einem Schrank, zu deren legitimen Nachfolgern Figuren gehören wie der ausgegrenzte Emigrant Trelkovsky in Le locataire, die von Teufelsanbetern bedrohte Katholikin Rosemary in Rosemary´s Baby, die in fremder Grossstadt isolierte Carol in Repulsion und auch das von Vampiren eingekesselte Duo Alfred und Professor Ambrosius aus The Fearless Vampire Killers; schliesslich Hierarchie und Ausbeutung in Le gros et le maigre und Säugetiere (Ssaki), ein Thema, das Polanski in Das Messer im Wasser (Noz w wodzie) und Cul-de-sac zu modellhaften Studien über das Entstehen und die Umkehrung von Herrschaftsverhältnissen verdichten wird. Die groteske Sichtweise und der schwarze Humor vermitteln hier nicht nur die stereotypen Rituale von Unterwürfigkeit, Terror, Erniedrigung und Komplizenschaft, sondern offenbaren die Skepsis eines Autors, der mit der Umschichtung jeweiliger Machtverhältnisse die Aussichtslosigkeit des menschlichen Miteinanders demonstriert. Margarete Wach
Die Reihe wird im Oktober fortgesetzt.