Erzählen im zeitgenössischen indischen Film
In Ergänzung zur Ausstellung ‹Horn Please. Erzählen in der zeitgenössischen indischen Kunst› (Kunstmuseum Bern, 21. September 2007 – 6. Januar 2008) untersucht das ergänzende Filmprogramm Erzählstrukturen im indischen Mainstream- und Studiofilm.
Das zeitgenössische indische Erzählkino befindet sich im Umbruch. Dies zeigt sich darin, dass Bollywood, obwohl an den Grundfesten des farbenprächtigen Sing- und Tanzspektakels festhaltend, gemächlich neuen Wegen folgt. Derweil fährt der indische Studiofilm fort, seine innovativen Furchen auf globaler Ebene zu pflügen. Der ebenso höchst unterhaltsame wie Denkanstösse liefernde Filmzyklus ‹Bollywood & Beyond› begleitet die Ausstellung des Berner Kunstmuseums, wobei jeder Filmtitel eine ganz besondere Weise des Geschichtenerzählens illustriert.
Im Film Rang De Basanti – für den British Academy of Film and Television Arts Award nominiert – setzt Rakeysh Mehra eine britische Filmemacherin als Auge und Ohr des Publikums ein, die das Selbstbewusstsein der orientierungslosen indischen Jugend zum Leben erweckt. Der Regisseur bedient sich an Bildern aus der Unabhängigkeitsbewegung Indiens, bis Vergangenheit und Zukunft nahtlos ineinander fliessen. In Guru setzt der bekannte Regisseur Mani Ratnam auf die grosse Tradition der Filmbiographie, um die Vom-Teller-wäscher-zum-Millionär-Geschichte des gleichnamigen Unternehmers zu erzählen, eine Technik, die er bereits wirkungsvoll in Iruvar (1997) nutzte. Anurag Kashyaps kontroverser und bis vor kurzem in Indien verbotener Black Friday erzählt mit journalistischem Blick die Geschichte des schrecklichen Bombenanschlags von Mumbai 1993 und bewegt sich dabei rasch zwischen verschiedenen Zeitebenen.
Ashutosh Gowarikers Lagaan – 2002 in Locarno mit dem Publikumspreis ausgezeichnet und für den Oscar nominiert – ist linear aufgebaut, verwirrt jedoch auf wunderbare Weise die Erwartungen mittels eines fesselnden Kricketspiels während der letzten Filmstunde. Sowohl Cannes-Preisträger Murali Nairs letztes Werk Unni als auch Rajneesh Domalpallis überwältigendes Debut Vanaja, das in Berlin 2007 den Preis für den besten Erstlingsfilm gewann, erzählen die Geschichten ihrer jungen Protagonisten in Episoden. Gopalakrishnans Nizhalkkuthu und Girish Kasarvallis Nayi Neralu sind beide im ländlichen Umfeld angesiedelt. Gopalakrishnans Film wird da elliptisch, wo die Charaktere in der Nacht vor der bevorstehenden Hinrichtung in ein anderes, ebenso reales Universum hinübergleiten, in dem sie sich Geschichten erzählen. Am beeindruckendsten spielt jedoch Vishal Bharadwajs Omkara weniger mit Erzählstruktur, dafür mit Inhalt. Der Mann, der mit Maqbool ‹Macbeth› in die Unterwelt von Mumbai transferierte, richtet seinen Blick nun wiederum auf den Barden. In Omkara versetzt Bharadwaj ‹Othello› in die Einöde Nordindiens und fügt – für indische Verhältnisse leicht anstössige – Gesangs- und Tanzszenen hinzu, ein wenig im Gegensatz zur unheimlichen Grundstimmung. Die Filmauswahl zeigt, dass, auch wenn es viele Möglichkeiten gibt, eine Geschichte zu erzählen, die Geschichte selber von höchster Wichtigkeit bleibt. Naman Ramachandran
Vortrag und Einführungen
Naman Ramachandran
Der Autor schreibt zum Kino Südasiens in ‹Sight & Sound› und ‹Total Film›. Er ist ‹Cineuropa›-Korrespondent für Grossbritannien und Irland und der Autor von ‹Lights Camera Masala: Making Movies in Mumbai›.
Aditya Bhattacharya
Der Regisseur von Dubai Return ist ein unabhängiger Drehbuchschreiber, Regisseur und Produzent und lebt in Rom und Mumbai. Er ist der Enkel von Birmal Roy, einem Pionier des indischen Films, und der Sohn von Basu Bhattachary, einem bekannten Independent-Filmemacher.
Behroze Gandhi
gründete 1982 in London die Firma ‹Hindi Pictures›, zunächst als Verleiherin von indischen Filmen ans britische Fernsehen, für das sie später Dokumentar- und Spielfilme produzierte. Als Filmwissenschaftlerin unterrichtet sie an verschiedenen Universitäten in England und den USA zum Thema Indisches Kino.
Sonntag, 21. Oktober, 12.00 h im Festsaal des Kunstmuseum Bern
‹Changing Narratives in Indian Cinema› Vortrag von Behroze Gandhy, Eintritt frei